Auszug einer wunderbaren Rezension auf junges-literaturhaus.com

(…) Während wir gespannt auf den Beginn der Lesung warten, gehen immer wieder Zuschauer nach vorne, um den Sprechern Texte oder Bücher auf den Tisch zu legen. Gänzlich unbeachtet in diesem Trubel setzen sich zwei Männer an den Tisch und durchstöbern das Papier. Kurz darauf hören wir die Stimme von Johnny Depp, die uns mit einem fröhlichen „Guten Abend, zusammen!“ begrüßt. „Gut, dass ihr so viele Texte mitgebracht habt, sonst wäre es eine sehr kurze Lesung“ sagt Simon Jäger, dessen Stimme wir als die von Matt Damon oder Heath Ledger erkennen. Und dann legen die beiden Synchronsprecher los. Sie lesen Text auf Text und haben dabei so viel Spaß, dass es ansteckend ist. Viel Gelächter folgt auf die skurrilsten Texte, die von der Raumfahrt oder vom Eheleben handeln. Auch Tagebuchparodien berühmter Persönlichkeiten sind dabei.

(…) Auch fehlerhafte Texte stören die Synchronsprecher nur wenig. Wenn bei einem Text Buchstaben oder auch ganze Wörter fehlen, kommentieren die beiden das kurz und improvisieren dann einfach die fehlenden Wörter, was die Aussage des Textes merkwürdig verändert.

Der Abend war wunderbar amüsant. Andere Zuschauer bezeichnen die Lesung als „total witzig“ und „echt klasse“. Bei einer Prima-Vista-Lesung ist für jeden ist etwas dabei, zumal jeder selbst Vorlesestoff mitbringen kann. Wer sich gern einen Abend lang (fast nur mit den Ohren) amüsieren möchte, sollte sich die Prima-Vista-Lesungen also keinesfalls entgehen lassen!

 

Rezension auf livekritik.de

vom Tobias Lentzler

Wenn Ben Stiller und George Clooney ins Uebel&Gefährlich nach Hamburg kommen, ist der große Saal zum Bersten mit gespannten Menschen gefüllt. Zwar sind es “nur” die Synchronsprecherstimmen der beiden berühmten Hollywood-Größen, doch sind beide durch ihre langjährige Sprechertätigkeit schon so populär, dass sie auf Zuschauer ebenso anziehend wirken wie die Schauspieler, welchen sie ihre Stimmen leihen. Oliver Rohrbeck (u.a. seit über 30 Jahren Justus Jonas in “Die drei Fragezeichen”) und Detlef Bierstedt (u.a. Synchronstimme von John C. Reilly oder George Clooney) sind an diesem Donnerstagabend zu einer so genannten “Prima Vista Lesung” nach Hamburg gekommen. Bei dieser Lesung bekommen die beiden Schauspieler Texte aus Romanen oder von Zuschauern selbst geschriebene oder ausgewählte Gedichte oder Geschichten vorgelegt, die die Schauspieler “auf den ersten Blick” (prima vista) lesen und vertonen müssen. Das Konzept für diese sehr interessante und anspruchsvolle Art einer Live-Lesung stammt von der “Lauscherlounge”, einem Label, was Oliver Rohrbeck mit einigen anderen Kollegen im Jahr 2003 zum Vertrieb von Hörspielen und für Live-Hörspiele und Lesungen gründete.

Auf dem Tisch von Bierstedt und Rohrbeck stapeln sich haufenweise dicke Bücher. Unmengen an Zetteln fliegen ebenfalls umher. Neben Werken von Marc-Uwe Kling (“Die Känguru-Chroniken”) und einigen Werken von Horst Evers oder Heinz Erhardt liegen dort Gebrauchsanweisungen für japanische Weihnachtskarten oder chinesische Luftmatratzen. Unter “erheblichem Alkoholeinfluss”, wie Oliver Rohrbeck am Anfang des Abends augenzwinkernd einleitet, beginnen Detlef Bierstedt und er aus verschiedenen Werken zu lesen. Texte mit mehreren Sprechern tragen sie gemeinsam vor, Gedichte oder Geschichten, die keine Dialoge enthalten oder als Fließtext abgefasst sind, im Wechsel. Einen Text liest Rohrbeck, einen anderen widerum Bierstedt. Es geht um Snobs und Proletarier, um Mikro- und Makrokosmen der menschlichen Existenz, Kleidung und Mode, Chillischoten, das Gehirn, Schlaflosigkeit oder den Unterschied zwischen Plattdeutsch und dem Berliner Dialekt. Nur mit ihrer Stimme ausgestattet, die sich sowohl bei Rohrbeck als auch bei Bierstedt äußerst flexibel und sehr beeindruckend erweist, erschaffen die beiden Synchronsprecher Welten und Szenerien, um sie im nächsten Moment mit einem anderen Text wieder zu zerstören. Eine Prima Vista Lesung ist eine Art “Happening”, welches von der Stärke des Textes und des jeweiligen Sprecher abhängt. Die Sprecher waren die ganzen zwei Stunden der Lesung auf einem konstant hohen Niveau und zeigten ihre ganze Kunst bei teils arg komplizierten Zungenbrechern. Die Texte jedoch variierten in ihrer Qualität deutlich. Waren Marc-Uwe Klings und Horst Evers Texte brillant, fielen Gedichte von Heinz Erhardt oder namentlich nicht genannten Dichtern doch deutlich ab. – Nach zwei Stunden des Lachens und Jubelns, des Beklatschens und Bewunderns, verließen alle Zuschauer das Uebel&Gefährlich beeindruckt und bereichert. Eine Prima Vista Lesung ist ein Ereignis, welches jeder einmal gesehen haben sollte. Es hat mit einer gewöhnlichen Lesung wenig zu tun!